KURVE Wustrow ruft zu Protest gegen CASTOR-Transport und Atomkraft auf

Das unfassbare Desinteresse der Regierenden am seit Jahrzehnten deutlich erklärten Willen der Bevölkerung, endlich aus der lebensfeindlichen Atomtechnologie auszusteigen, treibt wieder viele Menschen auf die Straße. Viele sind wütend darüber, dass der von Rot-Grün vermeintlich beschlossene Ausstieg nicht stattfindet, nun ein weiterer Vertrag die Profitinteressen der Atomkonzerne absichern soll und die bedrohlichen Anzeichen des misslungenen Modellversuchs einer Atommülllagerung im Salzbergwerk Asse zu keinerlei Umdenken in der „Endlager“-Frage führen. Alle regulären und legalen Mittel, dieser Unvernunft Einhalt zu gebieten, auf juristischen und politischen Wegen, durch Argumente und Demonstrationen werden seit Jahren beschritten und mit Lug und Trug, rechtlichen Tricksereien und machtpolitischer Arroganz beantwortet.

Der Ärger darüber wächst gerade in diesem Jahr auch wieder in weiten Teilen der Bevölkerung. Zu den Unentwegten, die sich seit Jahren in der Anti-AKW-Bewegung engagieren, kommen viele, viele Menschen, denen es jetzt reicht, die das Vertrauen in die Politik an dieser Stelle verloren haben. 150.000 waren im April zur Menschenkette von Krümmel nach Brunsbüttel, in Biblis und Ahaus unterwegs, 100.000 kamen im September zur Demo in Berlin und viele Tausende werden wohl im November ins Wendland kommen, um gegen den CASTOR-Transport nach Gorleben zu protestieren. Viele werden sich nicht damit zufrieden geben, bei der Auftakt-Demonstration ihren Willen kundzutun. Sie wollen bleiben und sich mit gewaltfreien Methoden des Widerstandes dem von der Polizei gewaltsam durchgesetzten Transport entgegenstellen.

Dazu gibt es, auch befruchtet und mitgestaltet durch die Arbeit der KURVE Wustrow, im Wendland eine jahrzehntelange Kultur gewaltfreier Methoden und Widerstandsformen. Sie tauscht sich aus und wird ihrerseits befruchtet durch die in den letzten Jahren zunehmende Zusammenarbeit mit anderen, zum Teil internationalen Bewegungen, die sich in elementare Bereiche unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens einmischen, wie die Proteste um den G8-Gipfel, Aktionen der Friedensbewegung gegen Atomwaffen und gegen Nato-Strategien etc. Ein neuer Schwung kommt durch diese breite Beteiligung wieder in den Widerstand und damit auch neue Ideen und neue/alte Diskussionen darüber, was ‚gewaltfrei‘ ist.

Die allermeisten Gruppen und Initiativen, die den Widerstand gegen die Atomanlagen in Gorleben seit vielen Jahren tragen, fühlen sich der Gewaltfreiheit verpflichtet. Der Konsens darüber lautet: Wir kämpfen für das Recht auf Unversehrtheit und Leben, folglich gestalten wir alle Aktionen so, dass von uns keine Gewalt gegen Menschen (und andere Lebewesen) ausgeht. Kein Mensch soll durch unsere Aktion verletzt oder gefährdet werden. Leider sind durch die von der Polizei ausgeübte Staatsgewalt selbst bei reinen Sitzblockaden immer wieder Menschen verletzt worden. Dies ändert aber nichts am gewaltfreien Charakter der Aktion.

Führt mensch sich die Gefahr vor Augen, die es mit den Aktionen gegen den erklärten Willen der Mächtigen im Land abzuwenden gilt (von der menschenverachtenden Verseuchung des Lebensraumes anderer Völker durch den Uranabbau, der dort schon heute ständig Krankheit und Tod bringt, von den in Kauf genommenen Leukämieerkrankungen von Kindern, die im Umkreis der „friedlichen“ Atomkraftnutzung wohnen, über die unkontrollierbare Gefahr durch verrottende Behälter im undichten Salzstock Asse, bis zum jeden Tag möglichen Super-Gau in einem der deutschen Atomkraftwerke, die immer älter werden), so kann die Beschädigung von totem Material, die ‚Gewalt‘ gegen Sachen, um der dringenden Forderung nach Einsicht Nachdruck zu verleihen, als legitim angesehen werden. So haben gewaltfreie AktivistInnen immer wieder Kriegsmaterial unbrauchbar gemacht oder haben Zäune aufgeschnitten, um sich zu den Brennpunkten der unfriedlichen Politik ihrer Regierungen Zugang zu verschaffen. Die Verhältnismäßigkeit sollte dabei immer wieder diskutiert und gewahrt werden.

Die KURVE Wustrow unterstützt den diesjährigen CASTOR-Widerstand durch eine Trainingskampagne, die schon seit vielen Wochen und Monaten Menschen in ganz Deutschland die Möglichkeit bietet, sich frühzeitig auf die Methoden gewaltfreier Aktion und Entscheidungsfindung vorzubereiten und Kontakte zu knüpfen, damit sie im November wissen, was sie tun wollen und mit wem.
In Zusammenarbeit mit der Initiative X-tausendmal quer und anderen Gruppen bereiteten diese Trainings im Wesentlichen auf die geplanten Sitzblockaden auf der CASTOR-Strecke vor.

Nun macht in den letzten Wochen eine neue Initiative auf sich aufmerksam: „Castor? Schottern!“ Sie verbindet eine Tätigkeit, die bisher im Wesentlichen im Dunkeln von kleinen Gruppen ausgeführt wurde, das Entfernen von Schottersteinen aus dem Gleisbett der CASTOR-Transportstrecke mit der Haltung, die auch X-tausendmal quer seit Jahren kultiviert und die wesentlicher Bestandteil vieler gewaltfreier Bewegungen ist: Wir bekennen uns öffentlich zu unseren Taten, erklären unsere Motive und Überzeugungen und werden die Konsequenzen unseres Handelns tragen, da wir es für legitim halten.

In der Leserbriefspalte der hiesigen Zeitung, in manchen Gruppen und auch in der KURVE Wustrow gibt es eine rege Diskussion über die Idee. Kann sie als gewaltfrei gelten? Ist sie vernünftig? Wie wird sie in der Öffentlichkeit aufgenommen? Und – welches Ausmaß an Polizeigewalt werden die Verantwortlichen gegen sie einsetzen?

Wir sind zu dem Schluss gekommen: Ja, es handelt sich um eine mutige Initiative zu gewaltfreier Aktion. Die Initiatoren machen deutlich, dass es darum geht, entschlossen die Transportstrecke für den Atommüll unbrauchbar zu machen, und nicht irgendwelche Gewalt mit den Steinen oder anders gegen Menschen auszuüben. Unsere bisherige Erfahrung mit der Anti-Atom Bewegung hier im Wendland, aber auch mit Menschen, die ähnliche Protestformen in anderen Zusammenhängen, wie dem G8-Gipfel geübt haben, geben uns Vertrauen, dass die Haltung der Gewaltfreiheit auch bei dieser Aktion Bestand haben wird. Obwohl zu befürchten ist, dass von der Polizei Gewalt gegen die Protestierenden ausgehen wird.

Die besonders von Seiten der Polizei jetzt gerne wieder beschworenen Szenarien von bürgerkriegsähnlichen Zuständen und gewalttätigen Demonstranten werden durch entschlossene, dem Ausmaß der Not und der Wut über die verantwortungslose Politik angemessene und doch konsequent gewaltfreie Aktionen wohl eher verhindert. Gerade die Einbindung in eine solche Aktion mit klaren Zielen und Grundsätzen wird wahrscheinlich manchen jungen Leuten helfen, ihrer Wut eine Richtung zu geben, die eben nicht Menschen angreift und in blinder Zerstörungswut endet.
So wird es bei einigen von der KURVE Wustrow vermittelten Trainings auch Informationen über „Castor? Schottern!“ geben, einige unserer Trainer unterstützen die Initiative und bereiten auch darauf vor. Es ist uns wichtig, gerade denen, die vorhaben, an dieser Aktion teilzunehmen, wichtige Grundlagen der gewaltfreien Aktion mit auf den Weg zu geben.

Genauere Informationen zu den hier genannten Initiativen und weiteren Aktionsmöglichkeiten gegen den CASTOR-Transport nach Gorleben finden sich auf den Seiten:

www.bi-luechow-dannenberg.de
www.ausgestrahlt.de
www.x-tausendmalquer.de
www.castor-schottern.org

Wustrow, 27.09.2010, Verfasserin: Schulamith Weil, Vorstand der KURVE Wustrow, Bildungs- und Begegnungsstätte für gewaltfreie Aktion e.V.