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Ein Brief an Euch alle

 

Unsere Arbeit in Corona-Zeiten

Wustrow, 12.06.2020

Liebe Freund*innen,

vielleicht fragst Du Dich wie es der KURVE Wustrow in den Zeiten der Corona-Pandemie geht – wie können wir uns weiter für Frieden, Menschenrechte und soziale Gerechtigkeit einsetzen?

 

„Gewaltfreiheit wirkt“ – 40 Jahre KURVE Wustrow – Feiern ist nicht mehr…

Wir haben bereits am 6. Januar, dem Gründungstag des Vereins, angefangen zu feiern. Nach drei Monaten mussten wir unsere Veranstaltungsreihe wegen der Corona-Pandemie unterbrechen – Ende August hoffen wir mit einem Workshop zum Thema Klimawandel wieder durchzustarten.

Die großen Jubiläumsfeierlichkeiten wie die Tagung im Juli und das Sommerfest auf der Baustelle Anfang September haben wir schweren Herzens abgesagt. Die Mitgliederversammlung haben wir auf den 15. November 2020 verschoben.

Für den Fotowettbewerb „Gewaltfreiheit ist…“ haben wir bis Ende Mai zahlreiche Einsendungen erhalten und die Jury wird voraussichtlich nicht nur drei Motive und Sprüche für die Publikation als Postkarte aussuchen, sondern eine Online-Galerie mit mehr Beiträgen zusammenstellen. Vielen Dank für die kreativen Ideen!

Im Jubiläumsjahr wollen wir Geschichten zu erfolgreichem gewaltfreiem Handeln sammeln und diese monatlich veröffentlichen – hier sind die ersten sechs von unseren Gründer*innen, Friedensfachkräften und ehemaligen Freiwilligen zu finden: www.kurvewustrow.org/ueber-uns/40-jubilaeum/

 

Friedensbildung – alles abgesagt, aber Perspektive

Leider mussten wir Mitte März auch kurzfristig den 1. Friedenslauf der KURVE Wustrow absagen – mit über 80 Anmeldungen allein von der Wustrower Grundschule. Wir hoffen, den Lauf noch in diesem Jahr nachholen zu können. Unsere Werbung für Friedensbildung, die mit der Einladung zum Mitlaufen an alle Schulen in unserer Region geschickt wurde, zeigt trotz Corona Wirkung. So sind wir für eine Fortbildung für pädagogische Mitarbeiter*innen an Grundschulen für Herbst/Winter angefragt worden.

 

Unterstützung sozialer Bewegungen – virtuell einiges möglich gemacht

Die gewaltfreie Osteraktion am Rüstungsstandort Unterlüß in der Südheide konnten wir wegen der Kontaktsperre nicht wie geplant durchführen. Wir haben jedoch ein Video mit allen Wortbeiträgen zu den geplanten Stationen erstellt und veröffentlicht. Schau es dir hier an.

Wir behalten weiterhin wichtige Themen wie Rüstungsproduktion, Klimaschutz und Rassismus im Blick. Wir bemühen uns notwendigen Protest auch in der Corona-Pandemie sichtbar zu machen. Mit kleinen Aktionen unter Beachtung der Abstandsregeln ist etwas möglich, aber auch virtuell. Berichte von der virtuellen Osteraktion und dem letzten Klimastreiktag finden sich unter Aktuelles auf unserer Webseite sowie die Einladung zur Veranstaltungsreihe zu Verschwörungstheorien und der Neuen Rechten – als Livestream im Netz mit zu verfolgen!

 

Internationale Friedensarbeit – wichtiger denn je

In unseren Kooperationsprojekten im Rahmen des Zivilen Friedensdienstes sind die Corona-Auswirkungen sehr massiv zu spüren. Einerseits gelten in vielen Ländern von der Ukraine über Palästina/Israel bis Nepal strenge Ausgangssperren. Andererseits wird die Arbeit unserer Partnerorganisationen nicht weniger. Denn die ohnehin schon benachteiligten Gruppen leiden noch stärker unter Corona und den Gegenmaßnahmen. Ihrer Stimme Gehör zu verschaffen, bleibt unser Ziel.

Wir haben die Situation in allen Projektländern genau im Blick und unterstützen unsere Partnerorganisationen weiter. In Nordmazedonien wird zum Beispiel ein neues Buch erarbeitet – mit Stimmen von Kriegs­veteranen, die sich ihrer Rolle im gewaltsamen Konflikt stellen. In Nepal werden Opfer von politischer und häuslicher Gewalt beraten – jetzt über soziale Medien und Radioprogramme. In der Ukraine wurde eine On­line-Plattform gegründet, um Tipps für ein soziales Miteinander in der Corona-Pandemie zu sammeln – einige davon in Cartoon-Form.

Diese Geschichten, was unsere Partnerorganisationen auch unter erschwerten Bedingungen leisten können für Frieden und Menschenrechte, findest Du unter Aktuelles auf unserer Webseite!

Einige unserer Fachkräfte sind nach Deutschland zurückgekehrt. Wir hatten rechtzeitig alle mit Risikofaktoren aufgefordert und es den anderen freigestellt – vor allem die mit Familie haben es in Anspruch genommen. Inzwischen prüfen wir mit ihnen und den Partnerorganisationen, wann sie wieder ausreisen können.

 

Freiwilligendienste – trübe Aussichten, aber großes Engagement in Indien

Für die jungen Menschen, die ihren Freiwilligendienst mit uns im Rahmen des weltwärts-Programms machen, bedeutete die Corona-Pandemie einen Abbruch – hier galt es letztlich eine entsprechende Anweisung des zuständigen Bundesministeriums umzusetzen. Vorher waren wir mit allen Freiwilligen schon in intensivem Austausch über die Entwicklungen vor Ort. Einige hatten sich für die Rückreise entschieden, anderen hatten wir es aufgrund von Risikoerkrankungen nahegelegt. Nun sind alle unsere Freiwilligen aus Indien und Tansania wieder zurückgekehrt. Wir versuchen sie zu begleiten, um sich hier in Deutschland weiter zu engagieren und ihren Weg zu finden.

Die Aussichten für die Ausreise des nächsten Jahrgangs sind trübe – turnusgemäß für August 2020 ist schon jetzt klar, dass es frühestens ab Oktober möglich sein wird. Wir werden das verantwortungsvoll prüfen.

Sehr beeindruckend ist das Engagement von Hiren Panchal, unseres ehemaligen Freiwilligen. Er organisiert bereits seit März Soforthilfe in Indien – täglich bereiten er und einige Unterstützer*innen Mahlzeiten für 1.200 Menschen zu und verteilen diese, auch in abgelegenen Gegenden. Mehr über die Spendenaktion für seine Corona-Hilfe in Indien auf unserer Webseite!

 

Unsere Seminare – abgesagt, aber Online-Kurse auf den Weg gebracht

Mitte März mussten wir die letzten beiden englischsprachigen Fachseminare kurzfristig absagen. Bis dahin hatten wir immerhin fünf Wochen lang viele internationale Teilnehmende zu Gast. Fünf Fachseminare konnten wir erfolgreich und auch schon mit Corona-bedingten Hygienemaßnahmen ohne jede Infektion durchführen. Die Rückkehr gestaltete sich für einige als große Herausforderung. Als mehr und mehr Flugverbindungen eingestellt wurden und in manchen Ländern Quarantäne bei Einreise verhängt wurde, mussten die Kolleg*innen im Bildungsreferat ihre Organisationskunst zeigen.

Leider mussten wir bereits weitere geplante Veranstaltungen wie das dreiwöchige internationale Training für Gewaltfreiheit, geplant für Juni, absagen. Wir gehen davon aus, dass wir die jährliche Do No Harm-Trainer*innenausbildung wieder als Präsenztraining durchführen können. Internationale Gäste werden jedoch noch nicht teilnehmen können, weil noch immer sowohl die Visavergabe durch die deutschen Botschaften als auch der internationale Flugverkehr weitgehend eingestellt sind.

Wir hoffen spätestens im Herbst mit der siebenwöchigen Fachseminarreihe wieder durchstarten zu können.

Für die meisten ausgefallenen Seminare haben die Trainer*innen Online-Formate entwickelt – für uns kein vollwertiger Ersatz zum Lernen in einer Gruppe und von Angesicht zu Angesicht. Aber immerhin ein Weg, die vielen Friedens- und Menschenrechtsaktivist*innen auch in dieser Zeit zu begleiten und weiterzubilden.

 

Tagungshaus – „tote Hose“

Das Tagungshaus der KURVE Wustrow ist von der Corona-Pandemie am stärksten betroffen. Seit den kurzfristigen Absagen Anfang März gibt es keine Belegungen. Bis in den August hinein haben wir alle Veranstaltungen und Seminare abgesagt. Die betroffenen Kolleg*innen sind zum großen Teil in Kurzarbeit gegangen.

Ein Hygienekonzept für die Wiedereröffnung haben wir bereits Mitte Mai erstellt und passen das fortwährend an die aktuellen Verordnungen an. In unserem Tagungshaus werden nach aktuellem Stand aber nur sehr kleine Seminargruppen möglich sein. So ist der Plan B, die Seminare in externen Tagungshäusern durchzuführen.

Die Erweiterung des KURVE-Tagungshauses treiben wir mit der KURVE Friedensstiftung weiter voran. Aber auch hier führt Corona zu Verzögerungen wie bei der Abstimmung des Bauantrags mit den Ämtern.

 

Unsere Mitarbeiter*innen – Home Office und Kurzarbeit

Wir arbeiten seit Mitte März im Home Office mit den entsprechenden Herausforderungen. Trotz schwachen Internets in unserer ländlichen Region haben wir relativ gute technische Lösungen gefunden. So schaffen wir es mittwochs für eine virtuelle Teamsitzung mit jeweils rund 20 Kolleg*innen mit Ton und Video in Austausch zu kommen.

Es ist schwer, die übliche KURVE-Arbeit mit der Betreuung der Kinder zu Hause zu vereinbaren. Einige Kolleg*innen haben deshalb ihre Stunden reduziert, soweit es geht. Die KURVE Wustrow stockt als sozial engagierte Arbeitgeberin das beantragte Kurzarbeitsgeld soweit möglich auf.

 

Die finanziellen Auswirkungen – drei Szenarien

Wir haben für alle Arbeitsbereiche drei mögliche Szenarien erarbeitet und die finanziellen Auswirkungen berechnet. Im besten Fall können wir über Juni hinaus alle Friedensfachkräfte unter Vertrag halten und mit unseren Partnerorganisationen in Krisenregionen, die Friedensarbeit oder zumindest Nothilfe fortführen. Die Seminare in unserem Tagungshaus hoffen wir in diesem optimistischen Szenario ab Mitte August wieder durchführen zu können. Aber auch dieser beste Fall würde ein Minus von rund 18.000 Euro für das Jahr 2020 bedeuten.

Nicht alles wird so positiv verlaufen. So müssen wir eher von einem Minus von bis 60.000 Euro ausgehen. Wenn zum Beispiel im Herbst keine jungen Menschen als Freiwillige ausreisen können oder noch keine internationalen Menschenrechtsaktivist*innen für die Seminare anreisen können.

Im schlechtesten Fall, wenn alles schief läuft und die Corona-Pandemie unsere Arbeit hier und international lahm legt und auch Geldgeber sich nicht mehr kulant zeigen, dann droht ein Minusjahr mit einem Verlust von bis zu 240.000 Euro.

 

In jedem Fall setzen wir alles daran, jetzt und bei anhaltenden Einschränkungen durch die Corona-Pandemie unsere Arbeit für Frieden, Menschenrechte und soziale Gerechtigkeit mit voller Kraft umzusetzen.

 

Herzliche Grüße aus der KURVE Wustrow,

bleibt gesund und wachsam,

Jochen Neumann

(Geschäftsführer)