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Interview mit Sebastian Schweitzer



Wenn du dich erinnerst an deinen Projektstart 2011, wie hast du dich damals eingelebt? Hast du die Bedingungen so vorgefunden wie du dir das im Vorfeld vorgestellt hattest?


Die ersten Wochen in Skopje wurden mir durch meine Kollegen in der Ersten Kinderbotschaft in der Welt – Megjashi sehr leicht gemacht. Ich erhielt große Unterstützung bei der Wohnungssuche und bei der Eingewöhnung in mein neues Lebensumfeld. Des Weiteren wurde mir viel über die Situation in Mazedonien sowie dem Selbstverständnis der Organisation als Kinderrechtsorganisation, die in diesem herausfordernden Umfeld seit 20 Jahren arbeitet, erklärt. Dadurch konnte ich mich sehr schnell in meinem neuen Arbeits- und Wohnumfeld zurechtfinden.


Meine Erwartungen hinsichtlich der Arbeitsbedingungen vor Ort haben sich weitestgehend erfüllt. Unerwartetes gibt es natürlich immer, aber ich habe wie angenommen Kollegen vorgefunden die wertebasiert und mit viel Enthusiasmus für Kinderrechte und Friedenserziehung eintreten, sich neuen Herausforderungen gerne stellen und diese gemeinsam angehen, um die Situation von Kindern in Mazedonien zu verbessern.

 

 

Was war das Ziel deiner Arbeit als Friedensfachkraft in Skopje?


Das Ziel meiner Arbeit als Friedensfachkraft war es der Ersten Kinderbotschaft in der Welt – Megjashi bei der Erarbeitung eines Programmes zur Friedenserziehung in weiterführenden Schulen zu unterstützen, um Gewalt und ethnische Spannungen zwischen den beiden größten Bevölkerungsgruppen –Albanern und Mazedoniern - abbauen zu helfen.

 

 

Was war ein eindrucksvolles Erlebnis oder eine Erfahrung während deiner Zeit dort?


Ich glaube eines der eindrucksvollsten Erlebnisse für mich war sicherlich die Teilnahme am „March for Peace“, welches wir als Teil der Bewegung „Together for Peace“ mitorganisiert hatten. Innerhalb kürzester Zeit hat die Bewegung es geschafft mit der Demonstration ein Zeichen für Frieden und Gewaltfreiheit in Mazedonien zu setzten und dies unter Einbindung aller ethnischer Gruppen des Landes.


Besonders gefreut hat mich hierbei, dass sich Schüler unserer Kooperationsschulen an deren wir unser Pilotprojekt durchgeführt haben aus Eigeninitiative an der Organisation der Demonstration beteiligten und ihre Meinung zu den ethnischen Spannungen in Mazedonien deutlich zum Ausdruck gebracht haben.

 

 

Du bist jetzt am Ende deines zweijährigen Aufenthaltes als Friedensfachkraft. Wie fällt dein Resümee aus? Was ist jetzt anders als zu Beginn deiner Arbeit?


In den zwei Jahren habe wir an drei Schulen in Mazedonien gemeinsam mit Schulleitern, Lehrern, Schülern und Trainern der non-formalen Bildung ein Trainingsprogramm für Lehrer entwickelt, dass diesen erlaubt ein ein- bis zweijähriges Modul zum Themen Friedenserziehung für Schüler anzubieten. Dieses Modul wird gerade mit dem Abschluss der Zwischenevaluierung überarbeitet, um es dann weiteren Schulen anbieten zu können. Ein Erfolg in diesem Arbeitsbereich ist für uns, dass unsere Lehrer es an einer Schule geschafft haben, seit Beginn des Trainingsmoduls in 2011 durchgängig extra-curriculare Aktivitäten in Form eines Schulklubs anzubieten, an dem so viel Interesse besteht, dass über die Ausweitung des Angebots nachgedacht werden musste.


Des Weiteren ist es uns gelungen durch Öffentlichkeitsarbeit das Thema Friedenserziehung in den öffentlichen Diskurs zu tragen. Hierbei hat uns insbesondere die gute Vernetzung Megjashis mit lokalen und nationalen TV- und Printmedien geholfen, wodurch Projektmitarbeiter, Lehrer und Schüler häufig zum Thema Friedenserziehung öffentlich Stellung nehmen und unser Projekt vorstellen konnten.


Innerhalb Megjashis ist es uns auch gelungen einen Strategieprozess anzustoßen, der sich sowohl mit Organisationsstrukturen als auch mit strategischen Zielsetzungen befasst hat. Auch wenn dieser Prozess noch lange nicht als abgeschlossen bezeichnet werden kann, haben wir doch Organisationsprozesse verändert, Aufgabenfelder der Mitarbeiter genauer definiert und Mission- und Visionstatement überarbeitet.

 

 

Kurz ein Wort zum Zivilen Friedensdienst (ZFD). Das Programm wird von deutschen Friedens- und Entwicklungsorganisationen getragen und vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) finanziert. Der ZFD unterstützt weltweit Projekte zur gewaltfreien Konfliktbearbeitung. Er entsendet Fachleute, die Partnerorganisationen vor Ort beraten. Krisenprävention, Gewaltminderung und langfristige Friedenssicherung zum Ziel haben. Erfüllt der ZFD in deinen Augen seinen Zweck?


Im Falle unseres Projekts in Megjashi erfüllte das Programm sicherlich seine Funktion, da wir es meiner Meinung nach geschafft haben innerhalb Megjashis Strukturen aufzubauen die langfristig zur Stärkung friedenspädagogischer Arbeit an Schulen beitragen können.


Um dies zu erreichen war es von großer Hilfe, dass es das ZFD-Programm erlaubt langfristig zu planen, Qualifizierungsmaßnahmen von Mitarbeitern in den Projektablauf integriert zu können, und gleichzeitig auch Strukturprozess innerhalb der Partnerorganisation begleiten zu können. Darüber hinaus wird eine Vielzahl von Projektaktivitäten unterschiedlichen Charakters durch das Programm gefördert, wodurch im Projektverlauf flexible auf die sich verändernden Kontextumstände reagiert werde kann.

 

 

Als letztes einen Blick auf die Situation der Friedenserziehung an mazedonischen Schulen. Was wäre deiner Meinung nach ein wichtiger Schritt (sei es in der Politik, in der Verwaltung, in der sozialen Bewegung …), um die Ziele Megjashis voranzubringen?


In grundlegender Schritt – an dem wir auch gearbeitet haben – wäre es einen konstruktiven und dauerhaften Dialog zwischen zivilgesellschaftlichen Organisationen, Schulen und dem Bildungsministerium herzustellen.


Dafür müssten meiner Meinung nach, zu allererst die lokalen und internationalen Akteure der Zivilgesellschaft einen gemeinsames Verständnis für die Bedürfnisse an mazedonischen Schulen entwickeln, um dann gemeinsam in einen zielgerichteten Dialog mit den zuständigen Vertretern und Institutionen im Bildungsministerium treten zu können.


Hierfür wäre es sinnvoll, dass sich sowohl mazedonische als auch albanische CSOs über ihre Arbeitsweisen und Zielsetzungen austauschen und nach Kooperationsmöglichkeiten gerade hinsichtlich der Einflussnahme auf den schulischen Lehrplan suchen. Bisher gibt es keine Plattform die diesen Austausch ermöglicht, weshalb es im Interesse wäre diese zu schaffen.

 

 

Welchen Beitrag sollte die KURVE Wustrow dabei langfristig leisten?


Ich denke mit der neu geschaffenen Koordinierungsstelle in Skopje hat Kurve Wustrow seit 2013 genau an dem eben erwähnten Punkt der Schaffung einer Austausch- und Koordinierungsplatform für Organisationen und Institutionen die sich im Bildungsbereich, speziell im schulischen Umfeld, betätigen in Angriff genommen. Dies wird eine wertvolle Unterstützung für die Kollegen vor Ort bieten, die notwendig ist um die Vielzahl an Akteuren zu einem koordinierten Vorgehen zusammen zu bringen und gemeinsam mit lokalen und internationalen Partnerorganisationen eine überzeugende Strategie für die Einführung von friedenspädagogischen Maßnahmen in mazedonischen Schulen ans Bildungsministerium herantragen zu können.

 

 

Sebastian Schweitzer, 1980 geboren, studierte nach dem Abitur in Potsdam Politikwissenschaft. Durch ein Praktikum in 2003 und weiteren Verbleib im Verein Mostar Friedensprojekt e. V. bis 2006 lernte er die Arbeit zivilgesellschaftlicher Organisationen in Deutschland und dem Balkan im Bereich der politischen Bildung und der Entwicklungszusammenarbeit kennen. Danach war Sebastian bis 2009 in Georgien als Projektkoordinator für internationale Bildungsprojekte im südlichen Kaukasus tätig. Nach seiner Rückkehr nach Deutschland arbeitete er freiberuflich bis 2011 als Trainer im Bereich der internationalen Jugendarbeit mit den Trainingsschwerpunkten Konflikttransformation, Projektmanagement und Partizipation.