Print Friendly, PDF & Email
Print Friendly, PDF & Email

Yalla, auf nach Ramallah.

Foto: Attalah Jahalen, Oberhaupt von Jabal Al-Baba und der fragliche Bürgersteig.

 

 Yalla, auf nach Ramallah. Einmal den Alltag vergessen.

Palästina. Jaba Al-Baba. Nein, über zu wenig Arbeit können sich die Frauen in Jabal Al-Baba nicht beklagen. Morgens um fünf oder sechs wird aufgestanden, dann das Frühstück für die Lieben vorbereitet und sich in den Haushalt gestürzt. Nebenbei werden die Kleinkinder bemuttert und bespaßt. Wenn die Größeren von der Schule kommen, muss das Essen auf dem Tisch stehen, danach ist es Zeit für die Hausaufgaben. Um fünf kommt der Ehemann hungrig von der Arbeit und wartet auf sein fertiges Essen. Ehe man sich versieht ist der Tag vorbei und die Kinder müssen ins Bett. Ein Tag gleicht dem anderen und es gibt kaum Momente, in denen die Frauen Zeit für sich haben oder sich etwas „Gutes“ tun – ein Konzept, über das man sich in diesem Teil der Welt wenig Gedanken macht.

Zu den Alltagssorgen kommt die ständige Angst vor Häuserabrissen und Vertreibung, von denen die Dorfgemeinschaft seit Jahren bedroht ist[1]. Mehrfach in der Vergangenheit wurden in dem Dorf Gebäude abgerissen, darunter sogar eine von der EU finanzierte Schule. [2]  Meist werden derartige Abrisse mit fehlenden Baugenehmigungen gerechtfertigt, doch sind diese für Palästinenser*innen in Gegenden unter israelischer Kontrolle quasi unmöglich zu bekommen. Gleichzeitig werden angrenzende israelische Siedlungen immer weiter ausgebaut, trotz wiederholter Warnungen der internationalen Gemeinschaft, dass diese internationales Recht verletzen. Die Politik scheint daher in erster Linie darauf abzuzielen, die Entwicklung palästinensischer Dörfer zu behindern und den Bau umliegender Sielungen voranzutreiben.

Erst im August 2019 hatte das israelische Militär gewaltsam versucht, den Bau eines Bürgersteigs auf der Zugangsstraße zum Dorf zu verhindern. Nachdem es tagelang durch Kontrollen die Bauarbeiter in Angst und Schrecken versetzt hatte, bahnte sich das Militär am Abend des 6. August mit Bulldozern den Weg in das Dorf. Unter Einsatz von Tränengas und Gasbomben wurden Baumaschinen konfisziert und schwere Strafen angedroht, sollten die Bauarbeiten fortgesetzt werden. Trotz allem ließ sich die Dorfgemeinschaft nicht einschüchtern und stellte noch in derselben Nacht den Bürgersteig fertig. Dies war für die Bewohner*innen ein wichtiger Akt des gewaltfreien Widerstandes, dem sich das Dorf gemeinsam mit anderen regionalen Komitees seit Jahren verschrieben hat.

Doch für gewaltfreien Widerstand braucht es Selbstfürsorge. Nicht nur um dem stetigen Druck der Besatzung standzuhalten, sondern auch um einmal einfach Yousra, Heba, Sahra, Myriam, Amira, Muneera und Aseel sein zu dürfen. So wünschten sich die Frauen einen Ausflug nach Ramallah und in einen Vergnügungspark. Die KURVE Wustrow unterstützte die Frauen in diesem Wunsch in dem Wissen, dass diese ohne männliche Begleitung aus der Familie aufgrund der hierarchischen in Strukturen in ihrer Gemeinschaft sonst kaum ihr Dorf verlassen dürfen. Der Ausflug nach Ramallah wurde damit zu einem unvergesslichen Erlebnis, von dem die Frauen noch lange zehren werden.

Seit 2018 unterstützt die KURVE Wustrow das Dorf. Belgeitet von einer Friedensfachkraft arbeiteten die Frauen an Themen wie Selbstfürsorge und psychosoziale Gesundheit. Darüber hinaus erhielten sie Trainings in Permakultur und Upcycling, mittels derer sie ihre Gärten gestalten können. Damit sollten die Frauen ermutigt und gestärkt werden, weiter mit gewaltfreien Mitteln dem Druck der Besatzung standzuhalten und mit ihrem Grund und Boden verwurzelt zu bleiben.

Dies nennen unsere palästinensischen Partner „Sumud“ – arabisch für Standhaftigkeit oder umschrieben als „existence is resistance“, auf Deutsch: „Bleiben ist Widerstand“. Leider musste die aktive Kooperation aus strukturellen Gründen beendet werden. Somit war der Ausflug nach Ramallah auch ein Weg, mit traurigen Herzen „Yalla-Bye!“ zu sagen.

 

[1] Vgl. https://972mag.com/in-jabal-al-baba-the-trees-are-protected-but-the-people-arent/131903/

[2] https://www.btselem.org/facing_expulsion_blog?community=204528&nid=